Ausstellung Ausstellungsbesuch Kunst sehen Salzburg

Kunst ist Leben oder wie das Leben in die Kunst passt

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Kunst bestimmt das Leben und die täglichen Abläufe von jenen, die sie schaffen. KünstlerInnen schöpfen Ideen aus ihrem und (!) dem realen Leben um sie innerhalb ihres Lebens in der Parallelwelt Kunst zu entwickeln.

A: „Sind wir schon in Absurdistan?“

M: „Die Fenster sind schon geöffnet“

R+K: „Anthropolis, die Hauptstadt der Vereinigten Staaten der Welt empfängt euch“

Die Vorstellungen über diese Parallelwelt meinen, dass man dort alles sein darf, alles machen darf, alles denken darf. Dort darf man polarisieren, darf dekonstruieren, neue Zusammenhänge entwickeln, frei sein, vor den Kopf stossen.

Stereotypen. Hierzu ein klares JEIN. Inhaltlich mag das so sein. Solange Kunst im eigenen Leben bleibt. So müsste man eigentlich von einer KünstlerInnenwelt sprechen. Denn sobald die Kunst die Türe zum „Außen“ öffnet, begegnet man einer Welt die von einem sehr hierarchischen und striktem Netz durchzogen ist. Die Begriffe Freiheit und Selbstbestimmtheit erhalten hier eine sehr eng gehaltene Bedeutung.

A: „Ist Absurdistan ein Raum der Kunst, der Männer oder der Frauen?“

M: „Der Himmel ist ein weiter Raum“

R+K: „Es ist ein Projekt in zwei Etappen“ eine Inszenierung – ein Drehbuch – die Besucher*innen dazu einlädt ihre gewohnten Wahrnehmungsmuster aufzubrechen und sich auf eine phänomenologische Reise unbegrenzter Möglichkeiten zu begeben.“

Derzeit kann man in Salzburg oben am Mönchsberg im MDM in die Kunstwelt der italienischen Künstlerin Marisa Merz eintauchen. „Marisa Merz. Il cielo è grande spazio / Der Himmel ist ein weiter Raum“ ist ist eine sehr empfehlenswerte Ausstellung, die man sich wirklich nicht entgehen lassen sollte. Ich wollte gar nicht mehr auftauchen daraus. Es geschieht ganz unmittelbar in dem Geflecht und den Netzen von Marisa miteingewoben zu werden. Marisa Merz hat eine Form und Farbenwelt entwickelt, die mich als Betrachterin von einem Bild zum nächsten, von einer Installation zur nächsten mit einer Leichtigkeit und Schwere zugleich getragen hat. Sie kreiert mit ihrer Kunst eine Welt, in der wenige Worte zu einem Gedicht werden, feine Linien zu Gesichtern und Ideen zu Skulpturen.

Unten in der Stadt unmittelbar, neben dem Mönchsbergaufzug, in der Gstättengasse 2 wird derzeit ein Leerstand als Kunstraum bespielt. Übertritt man dort die Schwelle, landet man in Anthroplis, der Haupstadt von Absurdistan.  Die Kuratorinnen Rita Frank und Karolina Renkovic und die KünstlerInnen: Sol Archer (Uk). Johanna Binder (At). Hannah BruckmüLler (At). Teresa Cos (It). Dorèan (Abs). Nicole Hoesli (Ch). Leona (Abs). Elisabeth Marte (At). Signe Pierce (Us). Mario Sinnhofer Aka Touched (At/Abs). Philipp Stix (At) öffnen die Pforten von Anthroplis den gesamten August über und laden ein. Zum Besuch, zum Talk, zum Sinne schärfen. Man sollte als Betrachterin bei klarem Verstand sein und seine Sinne in Lauerstellung positionieren. Damit man, wenn Realitäten überlappen, nicht den Boden unter den Füssen verliert. Obwohl sich dieser in Anthropolis nicht auftut, sondern als sinnliches Blumenmuster verwandelt. Das Gespräch vor Ort mit einer Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und psychotherapeutischer Medizin, öffnet der anwesenden Population spannende Aha Erlebnisse in Punkto Normalitäten, Abnormitäten und Realitäten.

A: „Ist das Museum ein Teil von Absurdistan?“

M: “maybe so, maybe not”

R+K: „Die Physiognomie der dinglichen Welt sollte dabei jenseits einer mit Funktionalität und Sinn aufgeladenen Betrachtung dekonstruiert und auf eine rein subjektive Erfahrung ausgerichtet werden.“

In der Ausstellung von Marisa Merz sieht das Auge Dinge, die man nicht zuordnen kann oder zu denen es in der Realität kein Pendant gibt. Nichts entspricht hier der Norm, aber ich nehme das was ich sehe, als Realität an. In Anthropolis, dort wo sich also die Welt vereint hat, kommt es zu Wahrnehmungsverschiebungen. Das Absurde ist alltäglich.

Kunst im Zwischendrin

Marisa Merz war neben Künstlerin auch Mutter, Ehefrau. Ihr Lebensraum war zugleich Kunstraum. Ihr Wohnraum zugleich Atelier. Ihre Küche zugleich Diskursraum und Performancelab. Das Leben und seine Tätigkeiten vermischen sich mit der Kunst und ihren Materialen.

Kunst bestimmt das Leben und die täglichen Abläufe von jenen, die sie schaffen. Eigentlich muss man sagen NATÜRLICH lässt sich daher Kunst nicht vom Alltag, vom Leben trennen. Obwohl darauf, gerade wenn von der Kunstrichtung Arte Povera gesprochen wird, besonders hingewiesen wird.

Die beiden Kuratorinnen des Projektes Anthroplis und die teilnehmenden KünstlerInnen, haben ebenso mehrere Berufe und Aufgabenbereiche. Die Ausstellung wird ebenso im Zwischendrin von Allem konzipiert und organisiert.(Dieser Text entsteht in der Küche, im Wohnzimmer, im zwischendrin vom Tun anderer, mehrerer Dinge und Aktionen). Völlig Normal. Zumindest Real. Eventuell Absurd. Ok,

Während für uns, die wir in dieser Parallelwelt Kunst arbeiten, diese Überlappungen zu unserer Normalität gehören, wird jener Zustand von Journalisten, wenn sie über Marisa Merz schreiben, gerne in den Vordergrund gerückt. Es wird hervorgehoben, dass sie, in den 20-iger Jahren des 20. Jahrhunderts geboren, zu einer Frauengeneration gehörte, der die Kunstwelt noch die Türen verschloss und sie deshalb zu Hause bleiben und schaffen musste. Die Realität, aus dem Blockwinkel der Tochter, kann aber auch so wahrgenommen worden sein: „Our homes (as shelter, resting place, emotional container) were a workplace, filled with artworks, books, objects — there were no boundaries,“‘Home’ was also the art gallery, or the museums, the restaurants or anywhere we would stop.”

Wahrnehmung von Kunst ist Wahrnehmung von Leben

Beide Projekte, jenes von Marisa Merz und jenes von Rita Frank und Karolina Renkovic benötigen unsere Wahrnehmung.

Kunstrezeption also die Wahrnehmung von Kunst passiert ebenfalls mitten im Alltag. Im Leben also. Das eigene Leben wird, selbst bei Eintritt in ein Museum, in eine Ausstellung, ja nicht beiseite gestellt. So können natürlich verschiedene Lebensrealitäten und Lebenswelten aufeinanderprallen. Als Kunstrezipierende identifiziert man sich sowohl mit dem Werk und dessen Aussage und Bedeutung als auch mit der Künstlerpersönlichkeit, die das Werk geschaffen hat.

Nachdem jeder Mensch seine eigene Realität hat, kann es bei der Rezeption von Kunst zu Wahrnehmungsverschiebungen kommen.

Während man im realen Leben bei einer derartigen Verschiebung eine Diagnose gestellt bekommt und darauf hingewiesen wird, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, damit die Wahrnehmung wieder genormt wird und in das übliche System passt, reißen KunstvermittlerInnen beglückt die Hände in die Höhe, wenn Rezipierende völlig unterschiedliche Zugänge zu selben Kunstwerk entwickeln.

A: „Kunst ist Absurdistan?“

M: „The titles come and go“

R+K: „Eventuell eine Möglichkeit alternative Realitäten auszuweisen“

Marisa Merz. Il cielo è grande spazio / Der Himmel ist ein weiter Raum / Museum der Moderne Salzburg

Anthropolis – A Project in two stages / Leerstand „Oberlicht“ Gstättengasse 2. 

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